In den letzten Jahren hat Korea wie kaum ein anderes Land das Motiv der Rache filmisch inszeniert. Dabei sind Perlen wie Oldboy und Lady Vengeance entstanden. I Saw The Devil von Regisseur Jee-woon Kim steht diesen beiden Meisterwerken in nichts nach und führt den Zuschauer, vielleicht noch mehr als Oldboy, an die eigene psychische Grenze.
Kim Soo-hyeon (Byung-hun Lee) verliert seine schwangere Geliebte an einem kalten Winterabend durch den brutalen Killer Kyung-chul (Min-sik Choi). Gestützt durch den Polizeichef und gleichzeitig Vater der Ermordeten, macht Kim Soo-hyeon sich auf die Suche nach dem Schlächter seiner Freundin. Dabei verliert er immer mehr sein eigenes Leben und seine Handlungen aus den Augen…mit fatalen Folgen.
I Saw The Devil ist im Setting einer nihilistischen Welt angesiedelt, wo Serienmörder und Menschenfresser sich die Klinke in die Hand geben und Eltern den Profit dem Wohlergehen des eigenen Nachwuchses vorziehen. Die Frage, wie ein Mensch zu einem mordenden Ungeheuer werden konnte, erübrigt sich in diesem Umfeld. Motive für die gewaltsamen Ausbrücke des Killers werden nur spärlich geliefert und der Zuschauer kann sich kaum einen Reim darauf machen, wieso Kyung-chul den rechten Pfad verlassen hat.
Psychoanalyse einer Killers
Irgendwann in seinem Leben muss es einen Zeitpunkt gegeben haben, wo er sich aus der Gesellschaft ausgeklinkt hat und zu dem Menschen geworden ist, der nun mordet. Den Kontakt zu seinem Sohn hat er abgebrochen, ebenso zu seinen Eltern. Der Sohn ist ein Beweis, dass Kyung-chul irgendwann in seinem Leben einmal ein normales Verhältnis zu einer Frau gehabt haben wird. Allerdings ist die Beweiskette damit auch schon geschlossen. Regisseur Jee-woon Kim unternimmt aber auch kaum einen Versuch, die Handlungen des Mörders durch ein Ereignis in der Vergangenheit zu rechtfertigen. Auch versucht er nicht, die Taten seiner Protagonisten filmisch zu reflektieren. Somit wirkt der Film streckenweise dokumentarisch, man verfolgt die Handlungen nur, wertet sie aber kaum.
Bei seiner Jagd auf den Mörder verlässt auch der Jäger immer mehr den Pfad des rechten Handelns und kann sein eigenes Wirken nicht mehr reflektieren. Dies hat den Tod von Menschen zur Folge, die ursprünglich unbeteiligt sind und den Weg des Killers nur kreuzen, weil Soo-hyeon ein perfides Katz-und-Maus-Spiel treibt. Er stellt den Killer, fügt ihm Schmerzen zu und lässt ihn dann laufen, um ihn erneut zu hetzen und die zugefügten Schmerzen zu erhöhen.
Das Böse in der Welt
Die Gewaltdarstellung ist in I Saw The Devil immens. Für die Handlung und den Aufbau iherer Charaktere ist diese Gewalt aber notwendig, um das Profil der einzelnen Fguren zu schärfen. Viel mehr als die Gewalt irritiert den Zuschauer, dass es keinen eindeutigen Sympathieträger gibt. Soo-hyeon hat zwar das Mitleid der Zsuchauer zunächst auf seiner Seite, irritiert aber durch seine Handlungen, die häufig passiv den Tod unschuldiger Menschen nach sich ziehen. Kyung-chul ist in seiner Funktion als psychisch gestörter Mörder nicht als Identifikationsfigur für das Publikum angelegt, erfährt aber durch Konfrontationen mit anderen Geisteskranken, die auf den ersten Blick noch bösartiger sind als er selbst, einen kleinen Sympathiebonus. Als Zuschauer muss man sich häufig fragen, ob man noch bei Vernunft ist, wenn man bei so einem Menschen Mitleid empfindet. Kyung-chul wird inszeniert als einer von vielen Bösewichten in einer kranken Welt und nicht, wie es sonst so oft der Fall ist, als Urheber des Bösen in einer sonst perfekten Welt. Beide Charaktere sind ein Produkt ihrer Umwelt und der darin herrschenden Normen.
Der Blick in den Abgrund
Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche sagte einmal:
“Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.”
Dieses Zitat kann man nicht nur auf den Film und seine Protagonisten anwenden, sondern auch auf den Zuschauer. Denn selten wurde man als Betrachter eines filmischen Werks mehr mit der Frage konfrontiert, was Recht und was Unrecht ist. Man empfindet Mitleid mit Soo-hyeon. Durch sein unrechtmäßiges Handeln empfindet man aber auch Mitleid mit dem Täter. Und so muss man sich abschliessend die Frage stellen, wie der Titel des Film I Saw The Devil zu deuten ist.
Hat Soo-hyeon in Kyung-chul den Teufel gesehen? Oder ist es umgekehrt? Vielleicht ist es aber auch der Zuschauer, der den Teufel sieht, in einer zwar konstruierten, aber von allen guten geistern verlassenen Welt? Es bleibt der Interpretation des einzelnen Betrachters überlassen. Fest steht, dass zumindest Soo-hyeon in den Abgrund geblickt hat und ebenfalls – zumindest streckenweise – zu einem Ungeheuer geworden ist.
Fazit
I Saw The Devil ist ein Meisterwerk der Erzählung, gehüllt in ein edles Gewand aus perfekter Schnitttechnik, Cinematographie und Musik. Trotz der herben Gewalt ist der Film unterhaltsam und die üppigen 144 Minuten Laufzeit nimmt man kaum wahr.







