Coffee-to-go am Abgrund

verfasst von | am 05.04.2010 um 13:19 Uhr | abgelegt in: Kolumne
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Klappe, und Action!

Vorm Anfang vorab: Diese Kolumne ist kein Geschreibsel, das, um den Lesern zu gefallen, nur an der Oberfläche der gesellschaftlichen Wirklichkeiten herumkratzt, wie ein Croissant, das in den abgründigen Tiefen des Coffe-To-Go herumrührt, sich mit Flüssigkeit vollasugt und schließlich in den Händen eines hippen Post-Hippie-Handlangers der Konsumgesellschaft irgendwann einfach zerbröselt. Zu Staub zerfällt. Verschwindet.

Anfang: Diese Kolumne will aufrütteln, wecken, wach machen, schreien. Jede Zeile dieses Textes soll eine Anklage werden, eine Anklage gegen asoziale Missstände, gegen allgemeine Apathie, wider androgyne Abonnenten von Kinozeitungen, gegen Stars, die das B-Movie eines arroganten Affen auf Amphetamin geben. Diese Kolumne ist gegen Alles. Na gut, fast Alles.

Aller Anfang ist schwer, vor allen Dingen dann, wenn man sich vorgenommen hat, eine Textserie zu beginnen, die das Ziel verfolgt, den gegenwärtigen kommerziellen Medienbetrieb als alberne Übung für Aggressionsabbau aus der Anstalt zu entlarven. Ja, ich rege mich auf.

Dabei gibt es derzeit auch positive Nachrichten aus der Filmbranche. Der deutsche Film blüht und gedeiht, in Hollywood streiken die Drehbuchautoren und Milla Jovovich ist Mutter geworden. Herzlichen Glückwunsch. Wenigstens eine Frau, die etwas gegen Kinderarmut in Deutschland tut. Moment, lebt Frau Jovovich überhaupt in Deutschland? Und wer ist dieser Paul W.S. Anderson? Vermutlich einer dieser bornierten Hollywood-Stars, die in einem Renaissance-Schloß leben und dort nächtens asiatische Zucht-Zobel foltern, um anschließend Sudoku mit ihnen im Glaskäfig zu spielen?

Nicht nur Hollywood ist krank. Auch diese Welt ist so krank, dass man als Medienkonsument hinter jeder Meldung einen tiefen Abgrund erwartet. Doch, und da liegen die Filmemacher ausnahmsweise richtig; dieser Abgrund ist überall.

Auch in der allzu weihnachtlichen Fußgängerzone. Dort saß ein Mann auf einer Bank. Er guckte ein wenig abwesend und hielt eine Flasche Bier in der Hand. In der anderen Hand hielt er ein Pappschild, darauf stand: „Bin arm, arbeitslos, alleinstehend. Bitte helfen sie mir und meinem Hund über die Weihnachtstage“. Sein Hund, ich glaube es war ein Australien Terrier, saß direkt auf seinen Schuhen, so dass der Mann, auch wenn er gekonnt hätte, nicht hätte aufstehen können. Während des So-Da-Sitzens summte der Mann vor sich hin. Es war nicht eigentlich ein Summen, vielmehr war es eine Art rhythmisches Räuspern, das sich, weil es in der Welt der Parkbanksitzer nicht sehr oft vorkommt, am ehesten mit dem bekannteren Wort summen umschreiben lässt.

Weil ich meinen Coffe-To-Go nicht im Sitzen trinken wollte und die Coffee-To-Go-Tasse recht heiß war und zudem Teile der Heißgetränk-Flüssigkeit bereits auf meine Handinnenfläche geschwappt waren, setzte ich mich auf die Nachbarbank und stellte den Kunststoffbecher auf die Holzlehne neben mir.

Gerade wollte ich zu einem beherzten Schluck ansetzen, da stolperte eine Gruppe junger Leute an mir vorbei. Die Jugendlichen hielten Bierdosen in der Hand und skandierten, angebrachter ist hier das Wort grölten, Dinge, welche in diesem Forum indiziert sind. Vor der „Assi-Parkbank“ des „Parkbankassis“ mit der Bierflasche blieben sie stehen und sagten „Alter Assi“ zu dem Mann. Dann lachten sie und gingen weiter. Ich trank einen Schluck Kaffee und regte mich darüber auf, dass sie mir normalen Kaffee gegeben hatten, ganz ohne Weihnachtsflavour. Ich hatte Kaffee mit Weihnachtsflavour bestellt.

Da war er, der Abgrund. Weshalb können diese Leute in diesen Coffe-Shops nicht das in den Becher kippen, was man auch wirklich bestellt hat? Sollte ich zurück gehen und den Mist umtauschen? Ich blieb sitzen. Rührte ein wenig um, mit dem Rührlöffel. Den hatten sie mir wenigstens mitgegeben, nebst Serviette und buntem Kaffeegutschein, „fürs nächste Mal“. Als eine weitere Gruppe Jugendlicher an der Parkbank vorbeikam, rührte ich noch einmal um. Wenn der Kaffee kühler wird, dachte ich, dann schmeckt er sogar ein wenig nach Zimt.

Ein junger Mann baute sich vor dem Parkbankassi auf und trat den Hund zur Seite. Seine drei Kumpels belferten. Der Hund jaulte. Der Mann hustete. Ich schluckte.

War da ein Hauch Amaretto-Flavour im Kaffee? Ich schüttelte den Kopf. Doch nicht. Der Junge schüttelte den Mann hin und her. Er sagte: „Ey alder, hier hast du einen Cent, aber versauf ihn nicht sofort wieder, es kommen noch schlimme Zeiten für dich“. Der Junge lachte und seine Kumpels lachten mit. In der Zwischenzeit war mein Kaffee kalt geworden und ich beschloss, den Gutschein einzulösen. Ich stand auf, ging zu der Bank, auf der der Mann saß, gab ihm den Kaffee und fünf Euro und wünschte ihm frohe Weihnachten.

Beim Coffee-To-Go-Laden bekam ich diesmal wirklich Kaffee mit Weihnachtsflavor. Weil ich mich so sehr darüber freute, beschloss ich, ins Kino zu gehen. Doch dort lief nichts Anständiges. Ich schaute in der Videothek vorbei, schnappte mir „Pulp-Fiction“ und wanderte gen Wohnung.

Vorm Ende vorweg: Der Film war spaßig aber der Kaffee war schon längst kalt geworden. Ich stellte ihn kurz in die Mikrowelle, dann ging es wieder.

Ende: Auch das Ende ist ein Anfang, wenn man es richtig liest. Coffee-To-Go schemckt im Sitzen nicht, nur wenn man dazu Pulp-Fiction schaut.

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Über den Autor

Marco

Gründer von insidemovie, Student der Germanistik und Filmfreak. Marco hat sehr früh den Weg zum Film gefunden. Schon als kleines Kind faszinierten ihn die verschiedenen Arten des Films und deren Machwerk. Nach dem Abitur im Jahre 2003 besucht er die Universität Paderborn mit den Schwerpunkten germanistische Literaturwissenschaft und Geschichte.

Marco hat bereits 136 Beiträge für insidemovie.de verfasst.

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