Herr der Fliegen (1963)

Marco 10. Januar 2012 0

Der Verfasser der Romanvorlage, William Golding, wurde am 19. September 1911 in Cornwall geboren und starb ebenda am 19. Juni 1993. 1983 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Golding verwendete in seinen Romanen stets eine starke Symbolsprache. Gegenstand seiner Werke waren die Fragen nach der Grundlage der menschlichen Existenz sowie verschiedene Kategorien von Schuld, Sühne und Vergebung.

Goldings Werk Herr der Fliegen siedelt in den 1950er Jahren an. Das Bild vom “Zivilisationsbringer” England bricht in sich zusammen. Inmitten dieser Zeit setzt das Setting von Herr der Fliegen ein. Eine Gruppe von minderjährigen Jungen strandet auf einer Insel und muss sich von nun an selbst organisieren und strukturieren. Golding nutzt dieses Setting, um diverse Themen miteinander zu verknüpfen und aufzuarbeiten: Kinder, das Motiv der Insel, Regeln der Zivilisation, Gruppenformierungen, Peer-Groups und Polarisierungen (in Form von Ralph und Jack) sowie Systemkritik.

Im Laufe der Geschichte spaltet sich die Gruppe und es entstehen zwei Lager: Ralph, Schweinchen (im Original: Piggy), Simon und die Zwillinge stehen Jack, Roger und Maurice gegenüber. An dieser Konstellation spiegelt Golding die Gewaltbereitschaft von Menschen. Kinder, die eigentlich für Unschuld stehen sollten, werden auf ihrem Weg in das Barbarentum begleitet. In der Wildnis verlieren immer mehr der Jungen das Verhältnis zur Zivilisation und deren Regeln. Je mehr Jungen dieses Verhältnis verlieren, desto mehr müssen sie anerkennen, dass das Leben der Erwachsenen nicht geprägt ist von Vernunft und Weitsicht.

Herr der Fliegen (1963) - Interpretation - Still 01Golding konstruiert eine paradoxe Situation: Jungen, die gerade aus einem Krieg evakuiert wurden, stranden in einem Paradies. Dieses verwandeln sie jedoch durch den Habitus von Einzelnen in einen neuen Kriegsschauplatz.

William Golding bedient sich fortlaufend christlicher Symboliken. Der Herr der Fliegen ist dabei eine Anspielung auf das Teufelsprinzip und das Prinzip des Fremden. Der am Ende des Stückes auftauchende Marineoffizier nimmt die Position eines Deus ex Machina ein. Für die Kinder ist er in einer tödlichen Situation ein Symbol für die verehrte, geordnete Welt der Erwachsenen. In seiner Uniform ist der Offizier jedoch genauso “Söldner” wie die Jungen. Der Konflikt der Jungen ist damit auf der Oberfläche gelöst. Sie werden sehr wahrscheinlich wieder in die Zivilisation überführt, tragen aber die Wildnis durch die von ihnen erlebten Ereignisse in ihren Herzen.

Die von den Jungen angenommene, heile Welt der Erwachsenen, ist zerbrochen. Und es gibt keinen Ausblick auf Besserung. William Goldings Herr der Fliegen ist somit eine düstere Studie der menschlichen Seele und vertritt damit eine klare Botschaft: Der Mensch ist von Natur aus zur Gewaltausübung bereit.

Neben den christlichen Symboliken dient die Muschel der Jungen als Symbol der Macht und Sprache (Sprachermächtigung). Dadurch, dass Golding die Ereignisse auf eine Insel verlegt, übt er latente Kritik am Kolonialismus und dessen Politik. Er kritisiert die Festigung einer Machtposition und die damit verbundene Erzeugung von Angst genauso wie den Wunsch nach Angsterhaltung, um Unterdrückung auszuüben.

Im Vergleich zu Into the Wild von Regisseur Sean Penn, erfährt die Wildnis bei Herr der Fliegen einen antizivilisatorischen Gestus. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Natur ihre Eigengesetzmäßigkeiten hat. Jedoch verdeutlicht der Film auch, dass in Bezug auf Wildnis noch immer eine große Naivität (Jagd doch schwerer als vermutet, Reis zu knapp veranschlagt, etc.) herrscht.

Bei Herr der Fliegen handelt es sich nicht wie bei Into the Wild um eine aufgesuchte Wildnis, sondern um eine durch einen Schicksalsschlag aufgezwungene. Zuerst wird noch versucht, sich dieser Wildnis zu bemächtigen, indem man versucht, die Gesellschaft bzw. die Gruppe von Jungen zu ordnen. Jedoch dringt an dieser Stelle der Mensch als triebhaftes Wesen durch (Stillung des Hungers). Das demokratische Prinzip wird hier zum Konfliktbogen (Nahrung und Feuer). Hinzu kommen Szenen, die zeigen, dass es bei einigen Bewohnern nicht primär um den Nahrungserwerb geht (Abtrennung der Frucht durch Simon, der empfindlich von Jack gestört wird). Es geht immer mehr um Machtanspruch, der sich zunächst aus dem Bedarf nach Nahrung entwickelt. Herr der Fliegen isoliert die Individuen  und ruft das Wilde im Menschen hervor.

Herr der Fliegen (1963) - Interpretation - Still 02Schweinchen nimmt die Funktion der Disziplinierung ein. Er mahnt die Gruppe fortwährend, sich an die Gesetze der Gruppe zu halten und sich an den Maximen der Erwachsenen zu orientieren. Seine Rolle wird dem Nihilismus überführt, endet doch sein Festhalten an zivilisatorischen Spielregeln im Tod. Golding führt uns vor Augen, dass Triebenergie in Ausnahmesituationen kultiviert und sublimiert wird. Die Wildnis ist ein Ort des Unbewussten im Menschen. Semantiken werden mit Pluralitäten versehen.

Während des Romans stellt Golding mehrere Kategorien gegenüber: Das Streben nach Isolation wird kontrastiert mit dem Wunsch nach Überwindung der Isolation. Reinheit und Frieden werden kontrastiert mit Schmutz, Chaos und Unwegsamkeit.

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