Die Nightwalk-Sequenz in Stanley Kubricks Eyes Wide Shut beginnt mit Bills nächtlichem Spaziergang durch das Greenwich Village (New York). Bill entdeckt dabei, dass er von einem Unbekannten verfolgt wird. Es folgt eine ca. dreiminütige Verfolgung, die mit Bills Flucht in ein Café endet. Kubrick erzeugt in dieser Sequenz eine düstere und spannungsgeladene Atmosphäre. Der Zuschauer wird mit einer Super- Totalen Einstellung in Bills nächtliche Odyssee eingeführt.
Die Straßenbeleuchtung wirkt in dieser Einstellung augenscheinlich normal. Auffällig sind allerdings die auf Rot geschalteten Ampeln an der Kreuzung. Es wird nicht eindeutig klar, ob es sich dabei um einen Hinweis handelt. Da es im Verlauf dieser Sequenz an anderer Stelle deutliche Hinweise an Bill gibt, seine Nachforschungen und Streifzüge einzustellen, kann man die roten Ampel auch als ein solches Zeichen werten.
In dieser Einstellung werden zwei wesentliche Funktionen der Super- Totalen genutzt. Der Zuschauer wird in die Umgebung des Geschehens eingeführt (Village bei Nacht) und bekommt einen Eindruck von Bills Einsamkeit (Bill allein am Bildrand).
Dass Bill verfolgt wird, wird für den Zuschauer erst nach der Überblendung in die Amerikanische Einstellung sichtbar.
Der Betrachter erkennt, dass sich Bill immer noch durch das nächtliche New York bewegt. Im Mittelpunkt des Bildes steht allerdings nicht mehr die Umgebung, sondern Bill, der in dieser Einstellung nun von vorn zu sehen ist. In dieser Einstellung kann man erkennen, dass Bill beunruhigt ist.
Es folgt ein harter Übergang in eine Super- Totale, in der nun der Verfolger erstmals zu sehen ist. Im Schuss- Gegenschussverfahren wird zwischen den beiden Einstellungen gewechselt, sodass – auch mit Hilfe des Tons – eine spannungsgeladene Atmosphäre erzeugt wird. Dieser Einstellungswechsel steigert nicht nur die Spannung, sondern lässt auch die Gezeigte Situation gefühlt länger (zeitlich gestreckt) erscheinen.
Die Überblendung zur nächsten Einstellung bewirkt dagegen das Gefühl eines Zeitsprungs.
Bill scheint eine nicht genau zu bestimmende Zeit lang vor seinem Verfolger zu flüchten. Wir sehen ihn in einer Totalen um eine Ecke ins Bild kommen. Es folgt ein harter Einstellungsübergang und wir erkennen, dass der Verfolger Bill immer noch folgt.
Es folgen eine Reihe von harten Einstellungswechseln und schnellen Kamerafahrten, die das Geschehen zu beschleunigen scheinen. Die Kamerafahrt endet mit einer Super- Totalen, in der sowohl Bill, als auch sein Verfolger zu sehen sind.
Mit dieser Einstellung verliert die Sequenz wieder an Tempo. Durch das Einsetzen der harten Klavieranschläge (Ton) und die hart wechselnden Einstellungen (Bill in der Amerikanischen-, Verfolger in Totaler Einstellung) wird das Geschehen erneut gestreckt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den langsamen Kameraschwenk, mit dem die Kamera dem Verfolger (immer noch in der Totalen) nachgeht.
Der Kameraschwenk endet, als der Verfolger die Kreuzung überquert. Nun sieht der Zuschauer den Verfolger in einer Super- Totalen auf der anderen Seite der Kreuzung stehen. Im Umfeld des Verfolgers sind drei interessante Elemente zu sehen. Der Verfolger bleibt neben einem Stoppschild stehen. Vor dem Schild steht ein blauer Kasten. Stopp ist dabei als Appell an Bill gerichtet. Der Blaue Kasten steht für Ernüchterung oder Erwachen (siehe Artikel: Eyes Wide Shut: Die Farben). Im rechten Bildrand sieht man einige Buchstaben einer Leuchtreklame. Zu lesen ist das Wort „vero“ (lat. wirklich, wahr, echt, wahrhaftig). Dieses Bild ist als Nachricht im Sinne von „halte wirklich an!“ oder „es ist wirklich zu ende!“ zu deuten. Der blaue Kasten und das unmittelbare Verschwinden des Verfolgers (ohne Kameraschwenk) betonen diese These.
Das Bild wechselt zu Bill (amerikanisch Einstellung vor dem Zeitungsladen). Bill wirkt erleichtert und geht in ein nahes Café. Die Kamera folgt ihm (Ranfahrt) und ist dabei etwas langsamer als die Figur, wodurch die Einstellungsgröße von der Amerikanischen in die Totale übergeht. Der Zuschauer erkennt, dass sich Bill immer noch nicht sicher fühlt (Blick über die Schulter). Am ende der Kamerafahrt geht Bill eine von einer grünen Markise überdachten Treppe hinauf. Die Markise kann als Symbol für eine Eros- Thanatos Konfiguration interpretiert werden (siehe Artikel: Eyes Wide Shut: Die Farben) und deuten damit das weitere Geschehen an.
Es folgt ein Schnitt und wir sehen Bill im ebenfalls grün gehaltenen Vorraum des Cafés. Mit dem Einstellungsübergang wechselt auch die Musik. Wir hören erst leise, dann immer lauter ein klassisches Musikstück. Das allein ist schon ungewöhnlich für ein Café. Es handelt sich jedoch nicht um irgendein klassisches Stück, sondern um „Rex tremendae“ aus Mozarts Requiem (Totenmesse). Dieses Musikstück, sowie der ebenfalls in grün gehaltene Innenraum des Cafés sind jedoch nicht die einzigen Hinweise auf den Tod; wie sich zeigen wird.
Zunächst sehen wir Bill im Café. Die Kamera folgt ihm mit einem Schwenk nach links. Aufallend ist dabei Bills Lässigkeit. Kubrick betont Bills lässiges (cooles) Auftreten mit einem kleinen Hinweis. Auf der Zeitung, die Bill unter seinem Arm hat, ist eine Schlagzeile mit dem Wort Cool zu sehen.
Bill bestellt einen Cappuccino und geht nach rechts an einen Tisch. Auch hier folgt ihm die Kamera mit einem Schwenk. Bill setzt sich an einen Tisch und schlägt die Zeitung auf. Er ist dabei in einer Halbtotalen zu sehen. Im Mittelpunkt der Einstellung ist jedoch nicht Bill zu sehen, sonder das Titelblatt der Zeitung. Die klar erkennbare Schlagzeile lautet „LUCKY TO BE ALIVE“ und deutet das folgende Geschehen an.
Es folgt ein harter Übergang in eine Nahe Einstellung, in der sowohl Bill, als auch das Titelblatt zu sehen sind.
Die Kamera fährt an Bill heran (von Naher Einstellung in die Große) und man kann erkennen, dass sich Bills Gesichtsausdruck ändert. Während die Musik noch einige Sekunden weiterläuft geht das Bild in einem schnellen Schnitt in eine Detaileinstellung über, in der zu sehen ist, was Bill liest.
Der Ton wechselt wie gesagt erst einige Sekunden nach dem Bild, sodass dem Zuschauer Zeit gelassen wird, den Titel des Artikels zu lesen. In diesem Moment wird das Stück aus Mozarts Requiem gestoppt und durch harte Klavierschläge (wie bei der Verfolgung) ersetzt. Der versetzte Übergang des Tons ist an dieser Stelle besonders wichtig. Bill braucht -genau wie der Zuschauer- einige Sekunden, um zu bemerken, dass es sich bei der Toten um Bills Bekannte handelt. Erst in diesem Moment soll das Gefühl von Angst und Unsicherheit durchkommen. Dem Zuschauer werden für diese Erkenntnis noch einige Sekunden mehr eingeräumt. Die Kamera zoomt zunächst in den Artikel rein, dann folgt ein schneller Einstellungsübergang. Bill ist nun wieder in der Nahen Einstellung zu sehen, während die Kamera ein zweites Mal ran fährt, um Bill in einer Großen Einstellung zu zeigen.
Bills angespannter Gesichtsausdruck wird dabei immer deutlicher erkennbar, sodass der Zuschauer spätestens an dieser Stelle merkt, dass es sich um eine schlechte Nachricht handelt, die auch Bill betrifft. Die Sequenz endet in dem Moment, als Bill seinen Blick von der Zeitung abwendet und seine Augen weit aufschlägt, was als Zeichen für Angst gesehen werden kann. Der Gefühlswechsel wird durch den wechselnden Takt der Klavierschläge (eben in dem Moment, in dem Bill die Augen aufschlägt) noch intensiver betont.
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