Eyes Wide Shut: Die Farben

verfasst von | am 05.04.2010 um 20:09 Uhr | abgelegt in: Interpretationen
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Das auffälligste Stilmittel in Eyes Wide Shut ist die Verwendung der Farben.

Wie auch in anderen Filmen setzt Stanley Kubrick Farben bewusst ein, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, die Bedeutung einer Szene zu unterstreichen, Gefühle auszudrücken und vermutlich auch um Hinweise zu geben. Die Bedeutung der Farben ist dabei keineswegs eindeutig, oft drückt eine Farbe (rot, blau, grün und violett) auch mehrere Inhalte aus. In dieser Interpretation werden einige exemplarische Szenen analysiert, in denen die Bedeutung der von Kubrick verwendeten Farben besonders deutlich wird.

Eine unter den besonders auffälligen Farben ist rot. Rot kann in Eyes Wide Shut zum Beispiel Wärme, Geborgenheit und ein heiles Weltbild symbolisieren, andererseits sehen wir diese Farbe auch in Szenen, in denen es um Erregung, Lust, Verheißung, sogar um Gefahr und Bedrohung geht. Ein Beispiel für rot als Symbol für Wärme, Geborgenheit und ein heiles Weltbild ist der Ehestreit zwischen Alice und Bill in ihrem Schlafzimmer. Bill, der Alice für eine treue Ehefrau und liebende Mutter ohne Schattenseiten hält, sitzt auf einem mit roter Bettwäsche bezogenem Bett während Alice, die ihm ihre – für ihn erschreckenden – Gefühle offenbart, vor einem Fenster steht, durch das ein kaltes blaues Licht in das Zimmer fällt. Die Farbe blau wird weiter unten besprochen.

In der Dominoszene (Prostituierte) symbolisiert die rote Eingangstür zu dem Haus in dem Domino wohnt Lust und Erregung. Die Hausnummer (265 = Quersumme 13 als Ünglückszahl) über dem Hauseingang ist dagegen schon ein Anhaltspunkt, der auf eine Gefahr (HIV) hindeutet. Deutlicher wird die Bedeutung der Farbe rot in Verbindung mit Gefahr und Bedrohung in Somerton („Schloss“). Der düster wirkende Zeremonienmeister, der Bill entlarvt und zur Rede stellt, trägt als einziger auf diesem Ball ein rotes Gewand. Eine weitere interessante Szene, in der rot für ein Gefüge von Gefahr und Bedrohung steht, ist Bills Besuch bei Ziegler. Ziegler spielt an einem rot bezogenen Billardtisch (ungewöhnliche Farbe des Filzbezuges), während er Bill die für ihn bedrohliche Situation schildert.

Eine weitere auffällige Farbe ist blau. Blau versinnbildlicht zum einen Desillusionierung (Ehestreit und Alice „Offenbarung“), steht aber auch für Verunsicherung, Angst, Bedrohung und die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Wie bereits angedeutet steht das in der Ehestreitszene durch das Schlafzimmerfenster fallende blaue Licht für Desillusionierung. Alice steht bei ihrer Offenbarung in einem kalten und blauen Licht, während der bis dahin naive Bill auf einem roten Bett sitzt (siehe oben). In der auf den Ehestreit folgenden Taxiszene sitzt Bill in einem von blauem Licht durchfluteten Taxi, was seine Verunsicherung zum Ausdruck bringt. Die Funktion der Farbe blau als Symbol für Angst und Bedrohung zeigt sich besonders deutlich bei Bills zweiten Besuch in Somerton. Bill steht in dieser Szene vor dem durch ein blaues Gitter versperrten Anwesen und erhält an eben diesem blauen Gitter den Drohbrief. Die wohlmöglich emotional am stärksten aufgeladene Szene ist Bills Rückkehr nach der zweiten Nacht. Bill tritt in das nun gänzlich von blauem Licht durchströmte Schlafzimmer und entdeckt, dass neben der im Ehebett schlafenden Alice die Maske liegt, die er am Vorabend in Somerton trug. Bill erstarrt als er die Maske sieht. Ihm wird bewusst, dass seine Abenteuer (Traum?) und sein Familienleben (Realität) ineinander übergehen bzw., dass sein Handeln Konsequenzen hat (Konfrontation mit der Realität).

Ein besonders spannender Aspekt in Eyes Wide Shut ist – neben anderen Gesichtspunkten – die so genannte Eros- Thanatos- Konfiguration. Szenen, in denen Krankheit und Tod auf erotische Spannungen treffen, werden von der Farbe grün dominiert. Schon zu Beginn des Films bedient sich Kubrick der Farbe grün als Andeutung dieser Verknüpfung. Bill wird auf der Weihnachtsparty in Zieglers Badezimmer gerufen, in dem er eine attraktive Prostituierte wegen einer Überdosis Drogen behandeln muss. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in der Lou-Nathason-Szene. Während Bill Lou Nathasons Tochter tröstet, versucht diese ihn in unmittelbarer Nähe des Totenbettes ihres Vaters zu verführen.

Etwas subtiler aber nicht weniger bedeutungsgeladen ist der Einsatz der Farbe grün im Eingangsbereich zu Dominos Wohnung. Während die erotische Komponente der Szene eindeutig ist, wird der Bezug zu Krankheit und Tod erst bei Bills zweitem Besuch bei Domino (bzw. ihrer Mitbewohnerin) greifbar. Bei diesem Besuch erfährt Bill, dass Domino, mit der er glücklicherweise keinen Verkehr hatte, HIV- positiv ist.

Zu bemerken ist auch, dass die Farben rot, blau und grün nicht nur isoliert verwendet, sondern auch in Kombination auftreten können. Besonders gelungen ist diese Farbverknüpfung in der Somerton-Szene. Als Bill vom Zeremonienmeister im wahrsten Sinne des Wortes entlarvt (Larve= Maske) wird, steht er vor einer art Tribunal. Der rot gekleidete Zeremonienmeister und zwei weitere blau gekleidete und maskierte Männer befinden sich auf einem roten Teppich. Der Teppich steht für die Erregung, die dieser Ort für Bill versprach, die rote Kleidung des Zeremonienmeisters für Gefahr und Bedrohung und die blaue Kleidung der zwei Begleiter für Verunsicherung und Angst.

Die Dominoszene bietet neben dem grünen Eingangsbereich einen weiteren, zunächst nicht eindeutigen, Hinweis. Die verführerische aber kranke Domino trägt ein violettes Kleid. Violett ist eine Mischfarbe aus den Farben rot (hier: Verheißung und Erregung) und blau (hier: Gefahr/HIV u. Verunsicherung/ Bill ist nicht sicher, ob er Sex will).

Der Film bietet in Bezug auf Farbe als Stilmittel noch weitere spannende Beispiele, deren Untersuchung aber den Rahmen dieser Interpretation sprengen würde.

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Über den Autor

Marco

Gründer von insidemovie, Student der Germanistik und Filmfreak. Marco hat sehr früh den Weg zum Film gefunden. Schon als kleines Kind faszinierten ihn die verschiedenen Arten des Films und deren Machwerk. Nach dem Abitur im Jahre 2003 besucht er die Universität Paderborn mit den Schwerpunkten germanistische Literaturwissenschaft und Geschichte.

Marco hat bereits 136 Beiträge für insidemovie.de verfasst.

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