Apocalypse Now: Kein Antikriegsfilm?

verfasst von | am 05.04.2010 um 19:06 Uhr | abgelegt in: Interpretationen
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Einer der bekanntesten und erfolgreichsten „Vietnam- Filme“ ist vermutlich „Apocalypse Now“, die 1979 abgedrehte Verfilmung des Joseph Conrad Romans „Herz der Finsternis“.

Die Geschichte um Captain Willard, der den Auftrag erhält in einem Patrouillenboot den Mekong hinaufzufahren und den augenscheinlich verrückt gewordenen Colonel Kurz zu liquidieren, ist in ihrer Art einzigartig innerhalb ihres Genres. Der Zuschauer fährt mit Captain Willard in eine immer skurrilere und entrückter wirkende Dschungelwelt in der der Krieg und der Rest der Welt in immer weitere Ferne rücken, bis die Geschichte schlussendlich in einem Dialog zwischen Willard und Kurz und dem Vollzug des Liquidierungsbefehls endet.

Die Frage, ob Apocalypse Now überhaupt ein so genannter Antikriegsfilm ist, sei an dieser Stelle erlaubt.

Die Geschichte der Romanvorlage spielt nicht in einem Kriegsgebiet, sondern in einer britischen Kolonie in Afrika.

Willard und Kurz sind keine Offiziere, sondern Vertreter einer Handelsgesellschaft. Darüber hinaus hat Willard in der Romanvorlage nicht den Auftrag Kurz zu liquidieren, sondern nur den Verbleib seines Verschollenen Kollegen zu untersuchen.

Die Frage, die ist, ob es dennoch eine, über die Ähnlichkeit des Handlungsstrangs hinausgehende, Parallele zwischen den beiden Geschichten gibt.

Klar ist, dass die Geschichten vor verschiedenen Kulissen spielen und dass die Figuren im Detail voneinander abweichen. Die beiden Geschichten gleichen bzw. ähneln sich dagegen in ihren Personenkonstellationen und ihrer Handlung.

Willard muss in beiden Fällen auf einem Boot in das Innere eines Dschungels fahren, um den verschollenen und als verrückt geltenden Kurz zu suchen. Während der Flussreise wird Willard sowohl im Film, als auch im Buch mit den Konsequenzen der Anwesenheit seiner Kultur in dieser fremden Welt konfrontiert. Er sieht die Unterdrückung, Terrorisierung und das Elend der einheimischen Bevölkerung und begreift, wie fremd diese Dschungelwelt ist.

In beiden Fällen erfährt Willard während der Flussreise die gleiche Entwicklung. Er beginnt sich nicht nur kritisch mit der Anwesenheit seiner Kultur in dieser Welt auseinanderzusetzen, sondern begreift auch immer deutlicher, was diese fremde Welt ausmacht.

Ihm wird bewusst, dass auch er sich verändert und an diese Welt angepasst hat. Die Welt seiner Kultur (Europa bzw. USA) ist ihm fremd geworden und er ahnt, dass er in ihr nicht mehr zurechtkommen wird. Den Fluss in den Dschungel (das Herz der Finsternis) hinauffahrend wird Willard immer deutlicher, dass der vermeintlich dämonische Kurz sich, wie auch Willard es tut, lediglich an die Gesetze dieser fremden Welt angepasst hat. Was für den Bürger der westlichen Welt wie Unmoral, Brutalität und Wahnsinn wirkt, entpuppt sich als Notwendigkeit und für das Überleben und Bestehen in dieser Welt nötiger Pragmatismus. Das moralische Konstrukt der westlichen Welt weicht dem reinen und kalten Verstand, dem Überlebenswillen und den erschreckenden menschlichen Instinkten.

Das folgende Zitat ist wohl der Schlüsselsatz des Films: „Haben Sie schon mal über wirkliche Freiheit nachgedacht Willard? Freiheit von den Meinungen Anderer, sogar von den eigenen Meinungen“

Dieser Satz verdeutlicht, dass Kurz keineswegs ein Monster ist. Kurz ist sein eigenes Handeln zuwider, es widerspricht seinen eigenen Meinungen. Er hat sich jedoch von den Meinungen der Anderen (Konvention) und den eigenen Meinungen (moralisches Empfinden) losgelöst und folgt, gemäß den Gesetzen des Dschungels, seinem blanken Verstand und seinen Instinkten.

Ich denke, dass eben dieses Loslösen von Konvention und moralischem Empfinden – die sog. dünne Zivilisationskruste – das Thema der Geschichte ist. Ob die Geschichte in Vietnam, einer britischen Kolonie in Afrika oder sonst wo spielt, ist dabei Zweitrangig. Der Vietnamkrieg ist nicht das Thema der Geschichte, sondern lediglich eine passende Kulisse.

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Über den Autor

Marco

Gründer von insidemovie, Student der Germanistik und Filmfreak. Marco hat sehr früh den Weg zum Film gefunden. Schon als kleines Kind faszinierten ihn die verschiedenen Arten des Films und deren Machwerk. Nach dem Abitur im Jahre 2003 besucht er die Universität Paderborn mit den Schwerpunkten germanistische Literaturwissenschaft und Geschichte.

Marco hat bereits 136 Beiträge für insidemovie.de verfasst.

Kommentare
  • Marcel Krebs

    Wunderschönen guten Abend

    Ich möchte im Bezug auf die Version im Directors Cut “Redux” auf die Szene bei den Franzosen hinweisen.

    Hier entwickelt der Film eindeutige politische Bezüge in nie dagewesener Klarheit und Deutlichkeit und analysiert den Hintergrund des Krieges auf den Punkt präzise. (siehe Post Scriptum).

    Sicher gehen Sie in ihrer Interpretation auf viele richtige Bezüge ein, etwa den angebrachten Vergleich mit “Heart of Darkness” und der daraus abgeleiteten thematischen Analyse.

    Allerdings halte ich es für falsch, den Film auf ein Thema zu reduzieren.

    MMn ist dieses Meisterwerk so komplex und vielschichtig, dass eine Kombination verschiedener Themata behandelt wird. Der Film schafft es insofern sowohl die Entwicklung Willards treffend zu beschreiben, sowie mit ihm den Charakter Kurtz zu paraphrasieren der hier symbolisch für die dezivilisierung steht, als auch auf die Sinnlosigkeit des Krieges als solches einzugehen.

    Eine weitere Schlüsselszene ist hier etwa die letzte passierte Brücke vor Kurtz.

    Wir sehen eine Brücke die offenbar jeden Tag zerstört wird um wieder aufgebaut zu werden.
    Dabei sterben jeden Tag Menschen und der einzige Zweck dieses absurden Spiels ist, den Fluss als passierbar definieren zu können.

    mfG

    Marcel Krebs

    P.S.

    1104
    00:56:11,089 –> 00:56:14,560
    Wie lange glauben Sie hier noch
    bleiben zu können?

    1105
    00:56:14,610 –> 00:56:18,239
    Wir bleiben für immer.
    -Nein, ich meine…

    1106
    00:56:19,931 –> 00:56:24,083
    Warum gehen Sie nicht in die Heimat?
    -In die Heimat?

    1107
    00:56:24,291 –> 00:56:28,365
    Das hier ist unsere Heimat!
    -Aber früher oder später…

    1108
    00:56:28,412 –> 00:56:30,483
    Nein!

    1109
    00:56:30,533 –> 00:56:34,367
    Sie verstehen unsere Mentalität nicht!
    Die des französischen Offiziers!

    1110
    00:56:34,413 –> 00:56:39,363
    Den 2. Weltkrieg haben wir verloren!
    Gewonnen habt ihr auch nicht wirklich,

    1111
    00:56:39,414 –> 00:56:44,409
    aber wir haben verloren! Assez!
    In Dien Bien Phu haben wir verloren!

    1112
    00:56:44,455 –> 00:56:49,211
    In Algerien auch! In Indochina auch!
    Aber hier verlieren wir nicht!

    1113
    00:56:49,256 –> 00:56:54,206
    Dieses Stück Erde behalten wir!
    Wir geben ihn niemals auf, nie!

    1114
    00:57:01,018 –> 00:57:04,011
    Die Amerikaner

    1115
    00:57:04,219 –> 00:57:07,211
    Im Jahr 1945, ja…

    1116
    00:57:09,059 –> 00:57:13,178
    Nach dem Krieg gegen Japan wollte
    euer Präsident Roosevelt,

    1117
    00:57:13,220 –> 00:57:16,258
    dass die Franzosen Indochina
    verlassen.

    1118
    00:57:17,901 –> 00:57:21,815
    Also habt ihr Amerikaner den
    Vietminh implantiert.

    1119
    00:57:23,902 –> 00:57:27,816
    Wie meint er das?
    -Das ist wahr. Der Vietcong ist eine Erfindung der Amerikaner.

    1120
    00:57:27,903 –> 00:57:31,213
    eine Erfindung der Amerikaner
    -Der Amerikaner?

    1121
    00:57:31,263 –> 00:57:35,223
    Und jetzt nehmt ihr den Platz der
    Franzosen ein, der Vietminh

    1122
    00:57:35,264 –> 00:57:38,780
    bekriegt euch. Und was könnt ihr tun?
    Nichts.

    1123
    00:57:39,625 –> 00:57:43,061
    Nicht das Geringste.
    -Vietnamesen sind sehr intelligent.

    1124
    00:57:43,105 –> 00:57:46,621
    Man weiß nie, was sie denken.
    Die Russen wollten ihnen helfen.

    1125
    00:57:46,666 –> 00:57:50,455
    Kommt, gebt uns euer Geld. Wir sind
    doch alle Kommunisten. Chinesen,

    1126
    00:57:50,507 –> 00:57:54,261
    gebt uns Waffen. Wir sind alle Brüder.
    Und sie hassen die Chinesen!

    1127
    00:57:54,307 –> 00:57:58,301
    Vielleicht hassen sie die Amerikaner
    weniger als Russen und Chinesen.

    1128
    00:57:58,348 –> 00:58:02,661
    Wenn Vietnamesen Kommunisten wären,
    wären sie vietnamesische Kommunisten!

    1129
    00:58:02,709 –> 00:58:06,146
    Und das habt ihr nie verstanden,
    ihr Amerikaner.

    1130
    00:58:06,190 –> 00:58:09,480
    Vielleicht können wir uns in Zukunft
    ja mit dem Vietminh arrangieren.

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