Einer der bekanntesten und erfolgreichsten „Vietnam- Filme“ ist vermutlich „Apocalypse Now“, die 1979 abgedrehte Verfilmung des Joseph Conrad Romans „Herz der Finsternis“.
Die Geschichte um Captain Willard, der den Auftrag erhält in einem Patrouillenboot den Mekong hinaufzufahren und den augenscheinlich verrückt gewordenen Colonel Kurz zu liquidieren, ist in ihrer Art einzigartig innerhalb ihres Genres. Der Zuschauer fährt mit Captain Willard in eine immer skurrilere und entrückter wirkende Dschungelwelt in der der Krieg und der Rest der Welt in immer weitere Ferne rücken, bis die Geschichte schlussendlich in einem Dialog zwischen Willard und Kurz und dem Vollzug des Liquidierungsbefehls endet.
Die Frage, ob Apocalypse Now überhaupt ein so genannter Antikriegsfilm ist, sei an dieser Stelle erlaubt.
Die Geschichte der Romanvorlage spielt nicht in einem Kriegsgebiet, sondern in einer britischen Kolonie in Afrika.
Willard und Kurz sind keine Offiziere, sondern Vertreter einer Handelsgesellschaft. Darüber hinaus hat Willard in der Romanvorlage nicht den Auftrag Kurz zu liquidieren, sondern nur den Verbleib seines Verschollenen Kollegen zu untersuchen.
Die Frage, die ist, ob es dennoch eine, über die Ähnlichkeit des Handlungsstrangs hinausgehende, Parallele zwischen den beiden Geschichten gibt.
Klar ist, dass die Geschichten vor verschiedenen Kulissen spielen und dass die Figuren im Detail voneinander abweichen. Die beiden Geschichten gleichen bzw. ähneln sich dagegen in ihren Personenkonstellationen und ihrer Handlung.
Willard muss in beiden Fällen auf einem Boot in das Innere eines Dschungels fahren, um den verschollenen und als verrückt geltenden Kurz zu suchen. Während der Flussreise wird Willard sowohl im Film, als auch im Buch mit den Konsequenzen der Anwesenheit seiner Kultur in dieser fremden Welt konfrontiert. Er sieht die Unterdrückung, Terrorisierung und das Elend der einheimischen Bevölkerung und begreift, wie fremd diese Dschungelwelt ist.
In beiden Fällen erfährt Willard während der Flussreise die gleiche Entwicklung. Er beginnt sich nicht nur kritisch mit der Anwesenheit seiner Kultur in dieser Welt auseinanderzusetzen, sondern begreift auch immer deutlicher, was diese fremde Welt ausmacht.
Ihm wird bewusst, dass auch er sich verändert und an diese Welt angepasst hat. Die Welt seiner Kultur (Europa bzw. USA) ist ihm fremd geworden und er ahnt, dass er in ihr nicht mehr zurechtkommen wird. Den Fluss in den Dschungel (das Herz der Finsternis) hinauffahrend wird Willard immer deutlicher, dass der vermeintlich dämonische Kurz sich, wie auch Willard es tut, lediglich an die Gesetze dieser fremden Welt angepasst hat. Was für den Bürger der westlichen Welt wie Unmoral, Brutalität und Wahnsinn wirkt, entpuppt sich als Notwendigkeit und für das Überleben und Bestehen in dieser Welt nötiger Pragmatismus. Das moralische Konstrukt der westlichen Welt weicht dem reinen und kalten Verstand, dem Überlebenswillen und den erschreckenden menschlichen Instinkten.
Das folgende Zitat ist wohl der Schlüsselsatz des Films: „Haben Sie schon mal über wirkliche Freiheit nachgedacht Willard? Freiheit von den Meinungen Anderer, sogar von den eigenen Meinungen“
Dieser Satz verdeutlicht, dass Kurz keineswegs ein Monster ist. Kurz ist sein eigenes Handeln zuwider, es widerspricht seinen eigenen Meinungen. Er hat sich jedoch von den Meinungen der Anderen (Konvention) und den eigenen Meinungen (moralisches Empfinden) losgelöst und folgt, gemäß den Gesetzen des Dschungels, seinem blanken Verstand und seinen Instinkten.
Ich denke, dass eben dieses Loslösen von Konvention und moralischem Empfinden – die sog. dünne Zivilisationskruste – das Thema der Geschichte ist. Ob die Geschichte in Vietnam, einer britischen Kolonie in Afrika oder sonst wo spielt, ist dabei Zweitrangig. Der Vietnamkrieg ist nicht das Thema der Geschichte, sondern lediglich eine passende Kulisse.










