Anatomie einer Farce: Was der Oscar® noch wert ist!

Marco 21. Februar 2012 6

Anatomie einer Farce: Was der Oscar® noch wert ist!

Es geht wieder los. Seit Wochen nutzt Pro 7 alle zur Verfügung stehenden Kanäle, um für die Ausstrahlung der Oscar-Verleihung am 26.02.2012 zu werben. Doch was ist die Verleihung überhaupt (noch) wert? Die Form der Abstimmung ist in den letzten Jahren immer häufiger in die Kritik geraten, weil das System nicht transparent genug ist. Stimmberechtigt sind die Mitglieder der “Academy” (rund 6.000), deren Namen formal gesehen streng geheim sind.

Wenn am kommenden Sonntag die Awards verliehen werden, sitzen allein 40 Millionen Amerikaner vor dem Fernseher und werden den Veranstaltern einen ordentlichen Geldsegen bescheren. In dieser Nacht entscheidet sich, welches Sternchen zum Stern wird. Einen Stern können nur die Abstimmenden zum Leuchten bringen. Leider wissen nicht einmal die Nominierten, wer über ihr “Schicksal” entscheidet.

“I have to tell you, I don’t even know who is a member of the academy.” – Academy Mitglied Viola Davis, nominiert in diesem Jahr für die weibliche Hauptrolle in The Help

Es gibt lediglich einige neue Einblicke in die Demographie der Academy – und diese malt ein düsteres Bild. Eine Studie der Los Angeles Times hat ergeben, dass die Gruppe der Abstimmenden sich nicht im Ansatz so heterogen zusammensetzt wie die Gruppe der Kinogänger. Die Stimmberechtigten sind zu 97% weiß und zu 77% männlich. Schwarze stellen nur knapp 2% der Stimmen, Lateinamerikaner sogar unter 2%. Der durchschnittliche Abstimmer ist 62 Jahre (!) alt, nur 14% sind jünger als 50 Jahre.

Ein antiquiertes Bild für eine Gemeinschaft, die sich selbst wie folgt beschreibt:

“The world’s preeminent movie-related organization” of “the most accomplished men and women working in cinema,”

Wer repräsentiert den durchschnittlichen Kinogänger

In Anbetracht dieser Studie muss man die Frage stellen, inwieweit die abstimmenden Personen überhaupt den durchschnittlichen Kinogänger repräsentieren. Ein oft bemühtes Argument pro Academy ist, dass die qualitativ hochwertigsten Filme den Award bekommen sollen, daher lässt man nur fachkundige Personen wählen. Im Gegenzug wird verschwiegen, dass hunderte Mitglieder der Academy seit Jahrzehnten an keinem Projekt mehr beteiligt waren. In einigen Bereichen der Abstimmung fehlt ihnen somit das nötige Verständnis, um “fachkundig” abstimmen zu können. Denzel Washington ist nicht der einzige Darsteller, der seit Jahren die herrschenden Verhältnisse anmahnt und eindringlich skandiert, dass die Academy sich öffnen muss, um eine größere Balance herzustellen.

Oscar - Statistik zur Academy

© LA Times

Nun gibt es zwei Seiten der Medaille: Die eine Seite, vertreten zum Beispiel durch den ehemaligen Academy-Präsidenten Frank Pierson, sieht keine Notwendigkeit, warum die Academy das komplette gesellschaftliche Spektrum der USA abdecken sollte. Pierson gibt an, der Oscar sei ein Preis professioneller Filmemacher und kein Publikumspreis wie zum Beispiel der People’s Choice Award. Academy-Mitglied Bill Duke dagegen sieht in dem bestehenden System eine Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen und Wünschen von schwarzen Menschen in der amerikanischen Filmbranche.

Subjektive Wahrnehmung: Zu viele Fehlentscheidungen

Für mich persönlich haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Fehlentscheidungen addiert. Bei der Verleihung 2011 wurde The King’s Speech zum besten Film gekürt, meiner Meinung nach hätte die Trophäe an Black Swan oder The Fighter gehen müssen. Ebenso ging Javier Bardem für Biutiful leer aus, der Oscar ging an Colin Firth, den man evtl. für seine Niederlage im Vorjahr gegen Jeff Bridges (Crazy Heart) entschädigen wollte. Bei den Awards von 2010 gab es nur eine mutige Entscheidung im ganzen Wettbewerb: Bester Film wurde The Hurt Locker von Kathryn Bigelow. Aber gut, das sind meine subjektiven Empfindungen.

Problematisch wird es dann, wenn ein Abstimmungssystem intransparent ist und die Abstimmenden sich bei der Prozedur mehr selber feiern als die Preisträger. Dankesreden werden auf wenige Sekunden gestutzt, damit alles in eine lupenreine Form passt, die Werbetreibenden wollen schließlich befriedigt werden.

Der Oscar als einzig wahrer Gradmesser

Schmunzeln muss ich auch häufig, wenn meine Kollegen mich nach der Bewertung eines Filmes fragen. Befinde ich einen mit einem Oscar prämierten Film als durchschnittlich, werde ich mit großen Augen angesehen und ernte den Satz: “Aber der Film hat doch 4 Oscars bekommen!” Ich verstehe nicht, woher die weit verbreitete Ansicht kommt, Oscar-Filme seien immer gut! An diesem Punkt lernt man schnell, den Cineasten (ich wähle diesen Ausdruck hier bewusst) vom normalen Kinogänger zu unterscheiden. Einige wenige Leute in meinem Bekanntenkreis, die ich aus meiner Definition heraus als Cineasten bezeichne, sehen das Schauspiel der Oscarverleihung ebenso wie ich: Hier werden die Filme gekürt, die ein großes Massenpublikum ansprechen und auch vielversprechende Kandidaten für eine positive Vermarktung sind. Frage ich meine elitären Cineastenfreunde (Achtung: Ironie!), welches der beste Film im Jahre 2001 war, erhalte ich zu 75% die Antwort Mulholland Drive. Für eine Nominierung reichte es aber nicht. Bester Film im Jahre 2001 wurde Gladiator, ein toller Film, keine Frage. Aber hier wird deutlich: Gladiator ist massentauglich, er spricht Jung und Alt zugleich an. Mein damaliger Favorit war übrigens Traffic – Macht des Kartells. Ein weiteres Beispiel: Sean Penn war mit seiner Paraderolle in 21 Gramm im Jahre 2003 nicht einmal für den Oscar nominiert!

Und jetzt?

Nichts. Am kommenden Sonntag werden wieder Millionen einschalten, es werden neue Sterne aufgehen und es werden im Zuge dessen Millionen von Medien verkäuft, weil sie eben den Sticker “Nominiert für x Oscars” oder “Ausgezeichnet mit x Oscars” tragen. Für mich persönlich ist das Fass hingegen voll. Und so wende ich in diesem Jahr der Verleihung endgültig den Rücken zu. Denn für mich hat der Oscar neben seinen streckenweise doch sehr zweifelhaften Entscheidungen ein neues Contra-Argument erfahren: Eine homogene (und teils elitäre) Gesellschaft bestimmt mit ihrem Voting die Produktionsrichtung der nächsten Jahre. Das muss ich mir nicht antun!

Allen Lesern, Bloggerkollegen und Freunden, die sich das Spektakel trotzdem ansehen, wünsche ich dennoch viel Spaß! Vielleich seid ihr aber so nett und verratet mir eure Sicht der Dinge! Was bedeutet der Oscar für euch und haltet ihr ihn für einen Gradmesser für einen gelungenen Film?

Ich freue mich auf eure Kommentare!

  • http://profile.yahoo.com/RMVUGYVVJUJKGFA4N6MH67ZNQE Tanja

    mein Oma hat immer gesagt: Je preiser gekrönt desto durchgefallener der Film! und sie hat noch heute Recht. Ich frag mich immer wieder, wie manche Filme es auf die Oscar Liste geschafft haben. Es geht doch nur um das Schaulaufen der Stars, der Oscar selber ist eher Nebensache

    • http://www.insidemovie.de Marco

      Hallo Tanja, vielen Dank für deinen Kommentar! Wie bereits im Artikel geschrieben, denke ich, dass es ganz stark darauf ankommt, welcher Film sich wie stark vermarkten lässt. Und häufig ist es ja auch so, dass die teureren Produktionen eher auf die Liste rutschen.

      Auf den Seiten von moviepilot gab es sogar mal einen ähnlichen Artikel zu diesem Thema: Die abstimmenden Personen haben in der Regel gar nicht alle zur Wahl stehenden Filme gesehen.

  • http://medienjournal-blog.de/ Wulf | Medienjournal

    Ich denke auch, dass der Oscar mehr und wenn überhaupt als Gradmesser für die Popularität bestimmter Machwerke herhalten kann; mit einer transparenten oder gar nachvollziehbaren Nominierung hat das jedoch ebenso herzlich wenig zu tun, wie mit filmischer Kreativität oder Innovation oder dem künstlerischen Anspruch eines Werks. Wie viele Perlen habe auch ich hier im Regal stehen, denen ich ein paar mehr Preise oder nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte, die aber gnadenlos übergangen wurden, weil entweder das Budget nicht hoch genug war, die Schauspieler oder der Regisseur zu unbekannt oder die marketing-relevante Zugkraft in punkto Massentauglichkeit des Streifens schlicht gen null tendierte, sprich eine Nominierung nicht wert war. Zuweilen ist es interessant, wer da so alles nominiert wird, aber auch nur, weil sonst so mancher Film auch spurlos an mir vorbeigegangen wäre. Suche ich aber wirkliche Perlen, halte ich es da wie viele meiner Mitblogger und orientiere mich eher an publikumsorientierten Festivitäten, wobei ich selbst diese nicht großartig verfolge.

    Der beste Gradmesser für die Qualität eines Films bleibt somit schlicht der eigene Geschmack und was der Film bei einem selbst bewirkt, ob er zum nachdenken oder träumen anregt, schlicht begeistert oder vom Hocker haut, zu Tränen rührt oder wütend macht. Und welche Jury, transparent oder nicht, demographisch korrekt oder falsch, kann mir das in Bezug auf mich persönlich schon glaubhaft vorhersagen?

    • http://www.insidemovie.de Marco

      Gerade deinem letzten Satz kann ich nur zustimmen! Und die Antwort auf die von dir aufgeworfene Frage ist natürlich: Niemand!

      Ich werde mir den “Schrott” auf jeden Fall nicht mehr ansehen und verstärkter als bisher bei Empfehlungen auf “meine Cineasten” im Freundeskreis sowie die Bloggerkollegen zählen!

  • ma.po

    Das alles war im Grunde schon immer so. Raymond Chandler hat 1948 einen sehr pointierten und sarkastischen Text darüber veröffentlicht, aus dem ich vor vielen Jahren hier ausgiebig zitiert habe. Viel Spaß beim Lesen!

    • http://www.insidemovie.de Marco

      Ein sehr interessanter Artikel, danke für die Verlinkung! Dieser Text bringt wirklich sehr pointiert die Sachlage auf den Punkt. In der kommenden Woche werde ich ein paar Zitate in den obigen Text einarbeiten. Danke :)

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