Tote alte und neue Ikonen

Vor einer Woche war ich auf einer Party. Dort traf ich meine neue Nachbarin. Einige Minuten zuvor war Michael Jackson gestorben. Der DJ hatte davon im Radio gehört und informierte die Party-Gäste per Mikrofon darüber.

Jackson führte ein Leben als Pop-Ikone, das vermutlich, menschlich betrachtet, nicht sehr menschlich – und daher eher traurig war. Mein erster Gedanke nach der Todesnachricht war, dass ich älter werde.

Kommunikationspsychologen sind der Ansicht, dass die Bilder, die wir uns von der Wirklichkeit machen, unser Wirklichkeitsbild bestimmen. Von vielen Dingen können wir uns aber kein eigenes Bild machen. Wir sind dann darauf angewiesen, dass uns fremde Menschen ein Bild von Dingen vermitteln, die wir niemals zuvor gesehen haben.

Niemand von uns hat Frau Merkel gesehen, die Bilder, die wir mit dem Begriff 11. September assoziieren, also Flugzeuge, die in Hochhäuser rasen, kennen wir nur aus dem Fernsehen. Die Vorstellungen, die wir mit dem Begriff Liebe verbinden, wurden uns von Hollywood-Filmen und Sit-Coms vermittelt.

In einem kurzen Gespräch mit einer neuen Nachbarin erfahre ich vermutlich mehr über sie und ihr Leben, als mir die Nachrichtensendungen der letzten Jahrzehnte etwa über den Mensch Angela vermittelten. Denn der Nachbarin kann ich in die Augen schauen. Angela Merkel nicht.

Was wir über einen großen Teil der Welt wissen, ist nicht mehr, als das, was wir über einen großen Teil der Welt vermittelt bekommen. Wir können der Welt nicht in die Augen schauen.

Derzeit läuft im Kino ein Film, der das Leben von Ernesto Rafael Guevara de la Serna, genannt Che Guevara, oder einfach Che, rekonstruiert. Zumindest den Teil seines Lebens, der ihn zu einer Pop-Ikone gemacht hat, deren Konterfei uns von WG-Wänden, Postern und T-Shirts angrantelt.

Die Ikone Che schaut uns grantig an und blickt gleichzeitig stoisch in die Weite des revolutionären Horizonts. Che war dennoch ein Mensch und keine Erfindung von T-Shirt Designern.

Im Film Che von Steven Soderbergh ist Che Chauvinist, Schwulenhasser, Machtmensch, daher vor allem eins: Mensch.

Gleichzeitig war Che er ein Revolutionär, der daran glaubte, dass man mit einer Revolution die Menschheit in eine bessere Zeit führen könne. In eine Welt, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat,, ohne Hunger, eine Welt, in der die Produzenten über ihre Produkte herrschen, in der es keinen Krieg gibt, keinen Hass, in der niemand über niemanden herrscht.

Dass man daran glaubt, dass man eine solche Welt schaffen kann, ist vielleicht naiv. Es ist ein Traum. Aber ein guter Traum.

Über die Art und Weise, wie Che und seine Genossen diesen Traum zu erreichen trachteten, kann man freilich diskutieren. Dabei sollte man natürlich nicht vergessen, dass die revolutionären Bewegungen in Südamerika in erster Linie Befreiungsbewegungen gegen latenten Wirtschaftskolonialismus waren.

Die revolutionäre Bewegung des Michael Jackson war eine subtilere. Doch auch er war: ein Revolutionär. Ein Pop-Revolutionär.

Jackson war ein farbiger Musiker und dennoch gelang es ihm, die schwarze Untergrundmusik in ein massenkompatibles Phänomen zu verwandeln, deren schillernder Kopf er war. Heute ist sie uns unter dem Namen Pop bekannt und dominiert weltweit die Hitparaden.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs startete er seine History-Tour mit dem größten Jacko-Konzert aller Zeiten im Ostblock, Prag, vor 150.000 Menschen.

Zuvor hatte er auf dem Letna-Hügel oberhalb der Moldau eine riesige überdimensionierte Jackson-Statue an dem Ort aufgestellt, wo einst eine Stalin-Statue grüßte. Die war aber längst gesprengt worden. Auch Stalin war früher für viele Menschen in Prag eine Ikone. Die Prager wollen sich daran jetzt nicht mehr allzu gern erinnern.

Der auf der Moldau gülden glänzende Jackson brachte den Tschechen endlich die Freiheit.

Ihm aber war es nicht vergönnt, in Freiheit zu leben. Denn, damit er eine von der Moldau grüßende Ikone werden konnte, musste er aufhören, jemand zu sein.

Sein schwarzes Antlitz hatte er durch plastische Operationen weiß gemacht. Seinen Anspruch auf ein eigenes Leben hatte er eingetauscht gegen das Versprechen eines Lebens in Glanz und Gloria. Seine verlorene Kindheit hatte er stets versucht wieder zu finden und konnte deshalb niemals wirklich erwachsen werden.

Als ich erfuhr, dass Michael Jackson gestorben war, erinnerte ich mich an meine Jugend. An die stundenlangen Sondersendungen auf RTL, in denen Reporter, während seiner vielen Deutschland-Touren, unaufhörlich der Ikone nachjagten. Ich erinnerte mich daran, wie der King ohne Königreich in den 90ern im Sauerstoffzelt saß, im beginnenden neuen Jahrtausend Babys aus dem Fenster hielt und später vor Gericht als Karikatur seiner selbst erschien.

Ich erinnere mich an einem Menschen, dem ich niemals in die Augen sah. Den ich nicht kenne. Und niemals kennen werde.

Michael Jackson ist mir so egal, wie ein Sack Reis in China. Was weiterleben wird, ist eine Ikone. Und mit ihr die Ideen einer besseren Welt, die er in seinen Songs zum Ausdruck brachte.

Die Ikone Jackson konnte über die Welt triumphieren, indem sie sich der Welt bis zur Perversion anbiederte, sich so veränderte, dass er der Welt das gab, was sie wollte. Schließlich brach ihm diese Welt das Rückgrat.

Die Ikone Che wurde zur Ikone, indem sie die Welt verachtete und so verändern wollte, dass sie zu einem besseren, freieren Ort würde, in der jeder so sein konnte, wie er war und von keinem Herrn dazu angehalten werden konnte, anders zu werden.

„Verschiedener könnten zwei Menschen wohl nicht sein“, denke ich, im Dunkel dieser Party stehend, dann läuft Heal the World. Ich muss schlucken. Vielleicht waren Jackson und Che Guevara gar nicht so verschieden?

Dann geht das Licht an. Auf dem Tanzboden liegen leere Bierflaschen, Pappbecher, Essenreste, Zigarettenkippen, Erdnüsse, Erbrochenes.

In dem Moment denke ich, dass das Bild, das wir von der Wirklichkeit und von unseren Ikonen haben, nur ein Bild ist. In Wirklichkeit waren sie vermutlich ganz anders. Ich denke, dass ich eigentlich gar nicht gealtert bin.

Ich werde das demnächst mal intensiv mit meiner neuen Nachbarin besprechen müssen.

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About hash

Gründer von insidemovie, Student der Germanistik und Filmfreak. hash hat sehr früh den Weg zum Film gefunden. Schon als kleines Kind faszinierten ihn die verschiedenen Arten des Films und deren Machwerk. Nach dem Abitur im Jahre 2003 besucht er die Universität Paderborn mit den Schwerpunkten germanistische Literaturwissenschaft und Geschichte.