Wie das Kino aus Geldbörsen romantische Accessoires macht.
Wahnsinnige und neurotische Frauen haben jahrelang ihren Frust uns zugetragen und machten damit eine Riesen-Quote. Gut, dass das vorbei ist. Aber: Ist es wirklich vorbei? Nein. Es geht weiter. „Sex and the City – der Film“ zeigt in Deutschen Kinos, wie schlimm es wirklich steht um die Menschen. Und die Liebe. Ein Wutanfall.
Liebe ist Geld, Geld ist Liebe. Und Romantik ist, wenn man einen Geldbeutel aus echtem Leder hat – mit echten Schweißflecken der argentinischen Lederbörsennäher, die es für 2 Cent die Stunde machen. Wie romantisch.
94 Folgen lang wurde dem geneigten Mediennutzer in der Serie „Sex and the City“ vorexerziert, dass es echte Liebe nicht geben kann. Zumindest dann nicht, wenn man Kristin Davis, Sarah Jessica Parker und Cynthia Nixon heißt. In der Serie sind die Aktorinnen auf der Suche nach ihrem Traumprinzen, sind, wie Daniel Haas für den Spiegel ganz richtig anmerkt, die Cinderellas des 21. Jahrhunderts. Denn auch bei ihnen geht es primär um die Asche, die Pinke, den Zaster und erst dann um die Liebe selbst.
Im Film möchte die Heldin endlich ihren Mr. Big (Chris Noth) heiraten und das Glück finden. Und auch diese romantische Geste wird vermarktet: Carrie landet im dem Machwerk auf der Titelseite der Hochzeits-”Vogue”, die Überschrift dazu heißt: “Das letzte Single-Girl”.
Schön, wenn man mit Romantik Geld verdienen kann.
Doch was ist Romantik? Zweifelsohne hat sie etwas mit Liebe zu tun.
Doch was ist Liebe?
Liebe kann vieles bedeuten. Ich möchte einmal eine romantische Definition der Liebe wagen.
Hört oder liest man einen Schiller, einen Max Horkheimer oder einen Theodor W. Adorno, dann bekommt man des Gefühl, dass sie so gar nicht das meinten, was die Mädels in diesem Film unter Liebe verstehen, wenn sie von Beziehung zu Beziehung hechten, wenn sie von Wasserbett zu Wasserbett springen und noch nicht mal Viagrah brauchen. Was meinte ein Friedrich Schiller, wenn er von dem Wort Freiheit sprach und in Kabale und Liebe die beiden liebenden Protagonisten in den Freitod gehen ließ, und in geeinter Zweisamkeit im Jenseits wähnte, gemeinsam, Hand in Hand? Klar, sie waren nicht frei, sie durften sich nicht lieben. Sind die Sex-and-the-City-Mädels frei. Ja, sie sind frei. Ebenso wie wir frei sind. Heuer dürfen wir lieben. Und wollen lieben. Aber können wir lieben?
Die Protagonisten in Kabale und Liebe wollten sich lieben und die Kraft der Liebe war größer als alles, ließ sie alle irdischen Hindernisse überwinden. Und heute? Heute sind wir frei, dürfen lieben aber wissen scheinbar nicht mehr, wie das geht. Entfremdet stehen wir uns gegenüber, küssen den Partner und meinen eigentlich uns selbst. Gefangen in einem jetztzeitbezogenen, hedonistischem Referenzsystem haben wir vergessen, dass liebe auch immer Verantwortung bedeutet und beklagen uns über die Methusalemisierung der Gesellschaft. So ein Gummi, es ist schon verdammt praktisch, stehen wir vor sich ständig höher auftürmenden Problembergen, die wir scheinbar nicht mehr bewältigen können. Rentenkasse, Sozialsysteme, Bildungsnotstand, Gesundheitssystem, Massenarbeitslosigkeit. Und was tun wir? Wir denken noch immer nur an uns selbst. Und an das romantische Portemonnaie aus handgenähtem Schweinsleder. Klar, wir sind ja frei! Doch sind wir glücklich?
Echtes Glück, bedingungslose Liebe genügt sich selbst, fragt nicht, was ist, was wird, was war, sondern ist einfach nur. Bilder werden im Angesicht dieses Glücks irrelevant, die Welt wird im Angesicht dieses Glücks irrelevant, was zählt, ist das Jetzt und Hier, das sich im Arm liegen, das Küssen, das füreinander da Sein und das verfolgen des gemeinsamen Ziels einer gemeinsamen Zukunft. Dieses zeitvergessende Gefühl hat indes nur noch sekundenlang Platz auf den Markttischen der Konsumtempel und Großhandelsketten oder vor den Großleinwänden, in den Betten der lechzenden Single-Generation, wenn in ihren Wasserbetten oder auf den Warentischen und in den Ladengassen, gespickt mit Unterhaltungselektronik, Mobiltelefonen, Markenkleidung, Geldbörsen und phallusförmigen Kunststofftüten aus Latex die Zeit einen Moment still steht, während die Kreditkarte durch den Schlitz zuckt und eine Zukunft im Glück verheißt. Ja, die individuellen Bedürfnisse der Jetztzeit sind groß, allzu groß. Ernüchtert im Heute angekommen, einen DVD Player, vielleicht ein Handy, oder ein Haute-Culture-Kleid in der Hand, oder Tasche, eine weitere Eroberung erobert, mit der man ,”Mann-bin-ich-toll” , Sex hatte, verliert sich der Rausch des Vergessens, der Rausch der strahlenden Zukunft ganz schnell in der Realität; in einer Licht durchfluteten Eigentumswohnung, die dennoch dunkel, kalt und leer ist. Im Angesicht dieser Wirklichkeit bleiben noch drei Stunden der Hoffnung. Der Hoffnung auf das echte, wahre Glück. Doch spätestens wenn alle Funktionen des DVD Players getestet, alle Freunde mit einer MMS versorgt, alle Tragemöglichkeiten des neuen Designer-Kleides ausgetestet sind, eine Beziehung sowieso und ohnehin nicht in Frage kommt, macht sich eine große Sehnsucht breit. Eine Sehnsucht nach dem echten Glück, nach der bedingungslosen Liebe, die einem nicht auf die Kreditkarte, sondern in die Augen schaut, für immer in die Augen schaut.
Es gibt es, das ewige Glück. Jetzt und Hier. Und wer nicht daran glaubt ist eigentlich schon tot, ist kein Mensch mehr, sondern hat alle Menschlichkeit hinter sich gelassen und ist zum Tier degeneriert.
Aber was soll man von den Produzenten eines Kalauer-Kino-Films schon erwarten, die sich mit den Adepten einer Sharholdervalue-Ökonomie solidarisiert haben und darauf warten, dass die Menschen sich die Merchandise-Geldbörse zum Film kaufen. Es ist jedenfalls nur eine Frage der Zeit, bis sich Carrie von Mr. Big trennt. Denn: Bald kommt die verbesserte Version der Geldbörse auf den Markt. Und dazu muss es natürlich auch den passenden Film geben. Diesmal dann mit einem Portemonnaie aus Schweinswahlleder und mit Mr. Bigger.



