Manchmal, man könnte auch schreiben zuweilen, man sollte schreiben zuweilen, weil das gesetzter klingt; zuweilen fragt man sich einfach nur: Warum. Man könnte auch schreiben: Weshalb. Das klingt intellektueller. Aber intellektuelle Fragen sind derzeit nicht en vogue. Will sagen: Sind nicht aktuell.
Nicht in der richtigen Vibration.
Denn die Vibration diktiert heuer den Ton.
Heuer sagte man früher in Österreich und in der Süddeutschen Zeitung zu Dingen, die in diesem Jahr, also 2008, geschehen sind. Früher. Ich muss erklären: Früher sagte man dort zu Dingen, die aktuell. im Jahr 2008 geschahen, man meinte, dass sie heuer geschehen sind. Damit jeder wirklich versteht, worum es geht. Denn heuer ist heuer nicht wirklich en vogue. Damit man wirklich versteht: Heuer sagte man in genannter Zeitung, um auszudrücken, dass die Dinge in diesem Jahr passiert sind. Oder gar aktuell. Oder heute. Heute ist aber nicht jetzt, aber heuer ist uner Umständen heuer. Vielleicht haben wir alle keine Lust mehr. Vielleicht haben wir auch nicht die Zeit, um auf diese kleinen Unterschiede zu hören. Die großen Kinokritiker kritisieren den Film Der rote Baron. Jener Streifen sei eine „stereotype Bruchlandung“, moniert etwa der Spiegel. Der Regisseur verpasse dem Protagonisten des Streifens, dem roten Baron „eine persilweiße Weste und verklärt die Luftkämpfe des ersten Weltkriegs zur sportlichen Gentleman-Angelegenheit“, heißt es etwa im besten Nachrichtenmagazin aller Zeiten.
Tenor der Kritik bei allen Kritikschreibern- und Machern, egal, ob im Radio, in der Flimmerkiste oder in der Zeitung: Irgendwie wird ganz schön viel beschönt.
insidemovie.de hat sich die Sache für Euch einmal genauer angeschaut und bewertet sie aus heuriger Perspektive.
Manfred von Richthofen war ein Flieger-Ass. Wer fliegen kann und keine Parkplätze suchen muss, kommt heuer immer gut an. Weil: Heuer suchen wir alle immer nach Parkplätzen. Überall. Egal, warum und wo und wie. Wir alle suchen heute, die ganze Zeit. Wonach und warum, das ist ganz egal. Richthofen ist auch ein Sucher. Jedoch einer, der findet. Einfach mal so alles abschießen. Nach zig Stunden Parkplatzsuche oder Partnersuche oder Jobsuche kann man das Bedürfnis einfach mal Abzudrücken unter Umständen durchaus nachempfinden. Unter Umständen.
Richthofen erzielte die höchste Zahl von Luftsiegen, die im Ersten Weltkrieg von einem einzelnen Piloten erreicht wurde. So gesehen war er damals ein Held. Heute auch, weil Abschießen heute heldenhaft ist, weil es heuer keine Parkplätze gibt. Und weil es heuer keine Helden mehr gibt. Und: Parkplätze sind heuer Mangelware. Vielleicht, weil der rote Baron einst nicht genug Menschen vom Himmel schoss? Immerhin fahren die Unabgeschossenen heute vielleicht Auto? Man weiß es nicht.
Manfred von Richthofen hatte in seiner Karriere bei der Fliegertruppe 80 bestätigte Luftsiege erzielt. Er hatte seinerzeit also gute Arbeit geleistet. Oder doch nicht?
Wohl nicht. Er war ein Soldat. Und tötete keine Autos, geschweige denn schoss er nur Flugzeuge ab. Er killte Menschen. Solche wie dich und mich. Und nachdem er sie abschoss, lebten sie nicht mehr. Ihr Familien, ihre Kinder, ihre Frauen, mussten künftig ohne sie leben. Und parken. Bis heute. Heuer. „Für ihn ist der Krieg ein großes Spiel, bei dem der passende Schal zur Lederjacke wichtiger erscheint, als das bloße Überleben – Gegner aus dem Feindesland wie Captain Roy Brown (Joseph Fiennes) sieht er höchstens als Matchpartner auf Augenhöhe“, schreibt Michael Stepper für den Spiegel. Und ja. Was er schreibt stimmt. Auf allen historischen Fotos trägt Richthofen tolle Klamotten, lächelt nett und macht einen sympathischen Eindruck. Doch echt nett war er wohl nicht, niemals. Er erschoss uns. Oder andere. Direkt vom Himmel holte er uns. Zurück auf die Straße, auf der wir uns heute um die Parkplätze schlagen müssen.
Aber: Das hätte man wissen können müssen. Dass der Film eine große Geschichtsknitterung werden wird. Denn: Bekannteste Darsteller des Streifens sind Matthias Schweighöfer und Til Schweiger. Die reden halt nicht gern. Das sagt ja schon deren Name.
Reden ist silber. Schweigen ist gold.
Schuld wird nur dann als Schuld anerkannt, wenn man darüber redet. Das wussten ja schon die 68er, die zu viel über Schuld redeten und bekanntlich zu wenig über Rohrbomben in Dienstfahrzeugen. Überhaupt reden wir heute viel zu wenig und hören zu viel auf Dieter Bohlen. Der übrigens ist auch ein Kind der 68er. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Kommunarden Fritz Teufel ist ja unverkennbar. Übrigens nicht nur optisch.
Doch: Zur Entlastung der Darsteller Schweighöfer und Schweiger muss man sagen, dass sie nicht schuld sind. Wir sind schuld. Heuer mögen wir das Schweigen eben mehr als das Reden. Weil wir heute nicht mehr wissen, was das Wort heuer bedeutet. Und weil die 68er vor uns waren, die bekanntlich so gern nicht schwiegen, zu viel redeten und Rohrbomben legten. Rohrbomben sind sehr laut. Wir nicht. Rohrbomben töten wie die Bomben aus dem Doppeldecker.
Und deshalb finden wir Richthofen ganz besonders toll. Weil er von den Schweigern gespielt wird, die Bomben werfen dürfen, ohne, dass es knallt.Sie sind unsere Helden, die die Welt verändern dürfen, oder zumindest glauben dürfen, dass sie sie verändern, während wir im Wohnzimmer sitzen und unschuldig Salzstangen knabbern. Wenn wir denn einen Parkplatz gefunden haben. Oder einen Job. Oder eine Freundin.
Sie sind die Helden der Non-Heuer-Generation.
Heuer ist irgendwann und irgendwo. Aber nicht in diesem Jahr, nicht bei uns, nicht real. Und das ist schlimm. Und schuld sind die 68er. Auf jeden Fall. Auf die Barrikaden. Zuweilen. Manchmal. Heute. Heuer? Und die Bomben?
Dann doch lieber in die Kinosessel. Im Multiplex mit Tiefgarage und Parkgarantie. Richthofen Rules. Schweiger auch. Schweigen-Schweiger. Reden ist… Schweigen ist gold.
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