Moderne Monster bleiben lieber anonym, denke ich. Und ich habe Beweise dafür, handfeste Beweise.
Denn neulich habe ich einen Film gesehen: einen Monster-Film. Im Gegensatz zu klassischen Filmen dieses Genres geht es aber kaum um das Monster. Es ist einfach da und macht Manhattan kaputt.
Warum es da ist, was es will, weshalb und woher es gekommen ist, das erfährt der Zuschauer nicht. Und die Protagonisten interessiert das, mit Verlaub, einen Scheiß.
Denn sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, ihre gescheiterten Beziehungen zu retten, zynische Sprüche zu machen und das ganze auf einer Kamera festzuhalten. Sie sind Egomanen im Monsterland.
Ein endzeitliches Soundszenario – wie im Weltkrieg – wummert durch meinen aktiven Subwoofer. Endlich, nach einer gefühlten Stunde, kann man das Monster schließlich sehen.
Kein King-Kong, kein T-Rex, kein Godzilla. Wer den Schrecken verbreitet, ist dem Zuschauer eigentlich ohnehin ganz egal. Hauptsache Gruseln und Schock-Effekte, Tote und Blut.
Das allein finde ich aber nicht mehr sonderlich gruselig. Dennoch habe ich mich gegruselt.
Mir war unheimlich, dass keiner der Geschockten, niemand von den zynischen Egomanen im Film, auf die Idee kam, das Urviech zu bekämpfen. Und ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass solche Zyniker überhaupt ein Gefühl des Gruselns fühlen können.
Adrenalin bewirkt, dass man schneller wird, dass man wütend wird, dass man aktiv wird. Dies war in allen bisherigen Monsterfilmen der Grund dafür, dass man weiter schaute: Die Protagonisten kämpften gegen das Monster.
Als Zuschauer dieser alten Monsterfilme fragte man sich: Wird es den Protagonisten gelingen, die Machthaber von der Existenz eines Monsters zu überzeugen? Wird es ihnen schließlich im Alleingang gelingen, das Vieh zur Strecke zu bringen?
In diesem neuen Monsterfilm waren jedoch alle so sehr damit beschäftigt, ihr beschädigtes Leben zu begreifen, dass das Monster zur Randnotiz wurde, die zwar verdammt viel Staub aufwirbelte – ansonsten aber nicht Gegenstand des Films war.
Dies hat dem Film schon vorab in der Internet-Community zu exzellenter PR verholfen. Man rätselte dort nämlich, worum es gehen wird, ob es ein Monster geben wird, oder nicht, und wie es aussehen mag.
Die Macher des Films haben die Rätselleidenschaft der Internet-User mit einer so genannten viralen Marketingkampagne zusätzlich angestachelt. Spuren und Schnipsel aus dem Film, er heißt Cloverfield, also Kleefeld, wurden auf diversen Internet-Seiten verstreut, eine lustige virtuelle Filmjagd begann im Netz, die extrem kostenneutrale und extrem effektive PR war.
Dazu hatten die Filmpropagandisten virtuelle Websiten der Protagonisten, Rob Hawkins, Beth McIntyre, Jason „J.J.“ Hawkins, Marlena Diamond und Hudson „Hud“ Platt, eingerichtet.
Zunächst glaubten die Internet-User, dass es diese virtuellen Menschen wirklich gäbe. Plötzlich wurden ihre bis dato regelmäßig erscheinenden Einträge auf ihren Seiten abrupt gestoppt.
Ihnen muss ein Unglück geschehen sein, machten die letzten Einträge auf den Seiten glauben. Und es müsse wohl irgendetwas mit einem Monster in New York zu tun haben. Die User begannen, sich mit der Lebensgesichte der Protagonisten zu identifizieren. Sie wussten, dass es auch ihre Lebensgeschichte hätte sein können. Die Jagd nach dem Leben der Anderen avancierte für sie zur Jagd nach sich selbst.
Am Tag der letzten Blog-Einträge der virtuellen Protagonisten hatte der Film in den US-Kinos Premiere.
Fortan waren die virtuellen Internet-Existenzen dazu verdammt, wochenlang über die Leinwand zu geistern, um dort vor einem Monster zu fliehen.
Wer sich allerdings vom Film Aufklärung über das Wesen des Monsters versprach und deshalb, im Namen der Aufklärung und des Verstehens, ins Kino pilgerte, wurde bitter enttäuscht.
Vielleicht ist das Monster aber mehr als ein gut gemachter und geschickt vorab im Internet lancierter PR-Gag, dessen rätselhaftigkeit die Kassen klingeln lassen sollte?
Manche Psychologen sind der Ansicht, dass die Dinge, vor denen wir Angst haben, mehr über uns und unser Wesen verraten, als die Dinge, die wir lieben.
Wenn dies so sein sollte, dann ließe sich – ohne große Verrenkung – behaupten, dass die Protagonisten und die Zuschauer keine Angst vor dem Monster hatten.
Diesen Schluss legen auch die Kommentare der Filmemacher nahe. Sie sind der Ansicht, dass das Monster verunsichert ist, dass es Angst habe, vor der Stadt, vor dem Lärm, vor dem Staub und vor der Geschwindigkeit der Dinge, die in der Stadt geschehen. Weil es nicht wisse, wie ihm geschehe, zerstöre das Monster die Straßen, die Häuser und die Freiheitsstatue.
Über diesen Kommentar musste ich zunächst lachen. Denn das Monster sieht überhaupt nicht aus, wie ein schüchternes Monster. Wenn man es denn sieht, dann flößt allein seine Größe schon ordentlich Respekt ein.
Doch was, wenn das Monster gar nicht das Monster ist? Was, wenn das Monster jene sind, die vor dem Monster davonlaufen, jene, die glauben, vor dem Monster Angst zu haben?
Wie kann man aber vor einen Monster Angst haben, das gar nicht böse ist, sondern Angst hat? Vielleicht ist das Cloverfield-Monster ja gar nicht das eigentliche Monster?
Vielleicht ist es eine Metapher, ein Sinnbild für das, was wir in unserem modernen Leben fürchten aber nicht aussprechen können, weil wir verlernt haben, es auszusprechen?
Quatsch, denke ich. Was sollte das denn sein?
Dann erinnere ich mich an die Protagonisten. Sie feiern Partys, sie machen lustige Sprüche, sie leben ein Leben, in dem ständig etwas geschieht, sie lieben es, zu kaufen und zu besitzen.
Wenn sie lieben, lieben sie, weil sie besitzen, wenn sie besitzen, besitzen sie, weil sie lieben. Im Vollrausch von Alkohol und Liebe ist auch immer was los. Und wenn es Dinge gibt, die diesen Rausch beenden könnten, fürchten sie diese Dinge.
Während die beiden Überlebenden am Ende im Tunnel sitzen und das Mädchen sagt, dass sie einen verdammt guten Tag hatte, denke ich, dass wir alle sie sind.
Die Devise eines guten Tages ist unser Gott. Und der Albtraum eines Tages, der nicht gut war, der kein Event oder Happening war, der nicht Party bedeutete, der nichts Neues brachte, der uns nicht die Erkenntnis brachte, dass wir persönlich die Tollsten sind, ist unser Monster.
Und am Ende leugnen wir es. Weil wir unserem Gott huldigen.
Wir müssen lernen, diesem Monster in die Augen zu schauen. Wir müssen lernen, zu leben ohne den Rausch des Passierens. Wir müssen lernen, allein im Keller vor der Waschmaschine zu hocken und ein Buch zu lese * n und diesen Abend dennoch schön zu finden.
Wenn wir lernen, dem Monster in die Augen zu schauen, dann verlieren wir die Angst vor dem Monster.
Das Sitzen im Kleefeld kann ganz schön sein. Manchmal übertreiben wir es aber und wissen, dass wir es übertreiben.
Wir haben dann das Gefühl, dass ein Monster uns verfolgt. Dieses Monster ist jedoch nicht namenlos, es ist nicht unbekannt. Wir alle kennen es.







