Ich schreibe nicht. Jemand, der während er diesen Text liest, fälschlicherweise den Eindruck bekommen sollte, der Schreiber dieser Zeilen hätte etwas geschrieben, irrt sich gewaltig. Denn: Ich mach es nicht mehr. Neee. Feierabend. Finito. Ultimo finito. Over. Out. Schicht im Schacht. Ende im Gelände. La Fin. Tout est bien qui finit bien.
Fein, wird sich da mancher denken, der noch jetzt auf der Intensivstation liegt, nachdem er „Coffee to go“ am Abgrund komplett gelesen hat. Ja ich weiß, dass das ein eigenwilliger Text war. Aber damit ist jetzt Schluss.
Ab sofort streike ich. Streike, wie die Drehbuchautoren streiken. Streike dafür, dass Ideen, die dem Geiste eines Menschen entspringen, auch dem zugute kommen, dem sie entsprungen sind: Dem Autor. Viele Autoren sind schlaue Leute. Denn: Nur Autoren besitzen Ideen – Verleger sind von Ideen besessen. Nun ist es aber leider so, dass jene, die von Ideen besessen sind, also Produzenten, Verleger und Regisseure dieser Welt, ihre Ideen-Besessenheit nur dadurch zum Ausdruck bringen können, dass sie die Ideen der Autoren verkaufen. Auf dem Bücher-, Zeitungs-, -Musik und Filmmarkt. Sie verlegen, produzieren und veröffentlichen, kurzum verkaufen die Ideen der Autoren. Und verdienen eine Menge Geld damit.
Das war schon immer so. Der Verleger verdient viel Geld und einen verschwindenden Teil davon verschickt er dann zurück an den Autor. Weil also das Wörtchen „ver“ eine solch große Rolle bei der Arbeit des Verlegers spielt, heißt der Verleger auch Verleger. Manche sagen ja sogar, viele Verleger seien etwas verrückt, was die „Ver-These“ noch weiter stützen würde. Diese „Ver-these“ wird in der heutigen Zeit allerdings etwas „überinterpretiert“. Daher kommt übrigens auch der Begriff „Verklausuliert“.
Denn der Verleger denkt, dass das Denken gottgegeben ist, dass die Ideen dem Autor quasi gottgegeben zufliegen, zudem vermutet er, dass der Autor kein Geld braucht. Nun, willkommen im Mittelalter, denke ich.
Die Moderne ist anders. Der Beginn der Moderne lässt sich vortrefflich mit folgender Geschichte umschreiben. Es geht darin um einen Poeten, der beruflich einer kreativen Tätigkeit nachgeht. Der Poet war arm und wurde 1805 geboren. Daher ward er geheißen „armer Poet“. Er malte ein Bild, welches er „Armer Poet“ nannte. Mit dem Bild verdiente er gutes Geld und war dann gar nicht mehr so arm und beendete somit das Mittelalter.
So ungefähr war das damals. In der modernen, westlichen Welt konnten Autoren bisher immer von ihren Ideen, so sie denn gut waren, leben. Die westliche Welt war deshalb so etwas wie eine Ideenschmiede. Bis das Internet kam. Man kauft keine Zeitung mehr, sondern liest sie im Internet. Man kauft keine Filme mehr, sondern downloadet sie sich. Man hört keine Musik mehr, sondern scrobbelt sie. Man liest keine Bücher mehr, sondern „checkt“ sie im Netz.
Doch auch im Internet wird Geld mit den Ideen verdient, nur an anderer Stelle – nicht mehr im Kino, nicht mehr schwarz auf weiß – sondern online. Und der Geldbetrag, der sich heute im Internet mit Ideen verdienen lässt, ist weitaus höher, als zu Gutenbergs Zeiten. Es lebe das Internet?
Mitnichten. Denn leider verdient der Autor nicht mit. Er schreibt und dreht und malt und komponiert. Für die Zeitung, die Zeitschrift, den Sammelband, das Star-Album, das Filmfestival, den Kinohit, die Kultserie, die Kunstausstellung. Und wird für eben diese Dinge bezahlt. Doch die Leute lesen, hören, sehen sein Werk im Netz. Aber für das Netz bekommt er keinen Cent.
Ungerecht. Dachte ich. Und sagte den Machern dieser Seite, dass ich nicht mehr schreibe. Finito. Basta. Ultimo Basta. Die Macher dieser Seite setzten mich unter Druck. Drohten mir: „Schreib!“. Ich sagte: „Ich verhelfe nur der Gerechtigkeit zu ihrem Recht“. Die Macher beriefen eine Krisensitzung ein. Die Macher sagten, dass mein Verhalten ungerecht sei. Ich schrie. Die Macher lachten. Dann schauten sie mir ernst ins Gesicht. „Erst zu erzählen, dass du uns eine tolle und professionelle Kolumne schreibst, und dann den Rückzieher machen, das ist unfair und ungerecht!“ Ich schaute sie an. Ich dachte: „Ihr habt Recht“. Aber das sagte ich natürlich nicht. Ich sagte: „Ich will tausend Euro pro Klick haben und ein eigenes Büro und einen Dienstwagen und viele Frauen.“ Die Macher lachten und boten mir einen Kaffee an. Und eine Zigarette. Ich hatte Durst und seit Tagen nicht geraucht. Ich trank den Kaffe. Ich rauchte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen dabei. Ich sagte: „Also gut, ihr sollt eure Kolumne pünktlich haben“. Immerhin bin ich Profi.
Ich setze mich an meinen Schreibtisch. Ich wollte einen Text schreiben, der gänzlich unkreativ ist. Immerhin streiken alle Kreativen, wer bin ich denn, etwa ein Streikbrecher? Eine Zeit lang spielte ich mit dem Gedanken, eine alte Simpsons-Folge abzuschreiben, oder das Vorwort eines Romans von Michel Houellebecq. Ich trat auf der Stelle und dann mit dem Fuß gegen die Wand. „Scheiße, ich will das nicht“, dachte ich. Dann googelte ich im Internet nach Autoren, die ihre Kreativität auch im Internet für Lau verschenkten. Ich gelangte irgendwann auf die Internet-Präsenz von Wang, dem Wasserverkäufer. Wang ist ein guter Mensch und schreibt schon seit Jahren die Bücher für die Simpsons. „Das darf aber niemand wissen“, sagte er mir im ICQ. Er mache das nur um der Sache wegen, nur damit er seine Ideen einbringen kann – in China sei das nämlich nicht möglich. Sein Geld verdiene er ausschließlich als Wasserverkäufer und Rikscha-Fahrer. Schon Meister-Kong habe gesagt, dass das Geld nicht des Geldes wert sei, das man dafür bekomme. Wang muss es ja wissen. Immerhin ist er ein graduierter Meister des Konfuzianismus. Mit Prädikat.
Ich dachte: Super. Kann der doch die Kolumne schreiben. Ich fragte ihn, ob er die Kolumne für die Seite schreiben würde. Wang schrieb die Kolumne. Ich lehnte mich zurück. Wang schrieb: „Meister Kong sagt: Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: Erstens durch nachdenken, das ist der edelste, zweitens durch nachahmen, das ist der leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste. Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können. Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie wieder in deinem Leben arbeiten.“ Mir wurde schlecht. Denn: Wang weiß, wovon er schreibt. Immerhin ist er Meister des Konfuzianismus und hat keinen Verleger. Ich rief die Seitenmacher an, sie lieferten mir eine Stange Zigaretten und ein Paket Kaffee.
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